Das Red Star Line Museum sammelt seit Jahren persönliche Geschichten zum Thema Migration. Sprache und Migration gehen Hand in Hand: Menschen versuchen, ihre Muttersprache zu behalten, lernen die Sprache ihrer neuen Zukunft und übersetzen für ihre Eltern oder Kinder. Die vielfältigen Erfahrungen rund um das Thema Sprache stehen im Mittelpunkt der Ausstellung.
Bei Sprache geht es nicht nur um Kommunikation, sondern auch um Erinnerung, Heimweh und Identität. Ein neuer Ort und eine neue Sprache können nämlich die Identität beeinflussen. Sowohl früher als auch heute passen Menschen beispielsweise ihren Namen oder dessen Schreibweise an, um sich besser in die neue Gesellschaft einzufügen. Wie weit gehen Menschen um sich zu integrieren? Wer bist du mit einem neuen Namen?
Das Projekt
Im Rahmen des partizipativen Projekts „Sprache & Migration“ war das Red Star Line Museum zwei Jahre lang in der Stadt unterwegs um die Rolle der Sprache bei der Migration, zu erforschen. Das Jahr 2024 stand im Zeichen der Erkundung und Forschung, der Vernetzung und der Sondierung. Im Jahr 2025 begann die Zusammenarbeit mit der kunstpädagogischen Organisation „Kunst in Zicht“ und mit verschiedenen Sprachgemeinschaften.
Inhaltlich untersucht das Museum gemeinsam mit Kulturerbe-Gemeinschaften und Künstlern folgende Fragen:
- Was ist die Sprache der Migration?
- Finden wir Worte, um auszudrücken, wer wir sind und wer wir waren?
- Kann man sich in einer neuen Sprache verwurzeln?
- In welchen Sprachen fühlen sich Menschen zu Hause?
- Welche Muttersprachen sind in der Stadt zu hören und werden an die nächsten Generationen weitergegeben?
- Finden Menschen einander in (neuen) Worten? Oder gerade nicht? Und wenn ja, wie?
- Welche emotionale Reise durchläuft Sprache?
- Wie widerspiegelt Sprache die Realität und die Machtverhältnisse rund um Migration wider?

Von links nach rechts die drei Projektleiterinnen:
Aniek Smit (Oral History), Dorine De Vos (Publikumsarbeit) und Nadia Babazia (Outreach & Partizipation)
Die Ausstellung
Die Ausstellung basiert sich auf drei Elementen:
- Historische und zeitgenössische Geschichten sowie Exponate aus unserer Erzählsammlung
- Kunstwerke, die zum Nachdenken über Sprache und Migration anregen
- Offene Gespräche und partizipative Projekte in Zusammenarbeit mit „Kunst in Zicht“
Für die partizipativen Projekte wurden drei Kunstprojekte definiert, wobei ein Künstler gemeinsam mit einer Gruppe von Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen einen bestimmten Aspekt der Sprache thematisiert.
„Sprachbarrieren zwischen den Generationen“ geht von der Videoarbeit „Mother Tongue“ (2002) von Zined Sedira aus. Eine Großmutter, eine Tochter und eine Enkelin unterhalten sich miteinander, jede in ihrer eigenen Sprache. Zwischen zwei aufeinanderfolgenden Generationen verläuft die Kommunikation reibungslos. Doch Großmutter und Enkelin Sedira haben keine gemeinsame Sprache und können sich nicht mehr mit Worten verständigen. Die Theatermacherin Celia Fechas spricht mit Schulkindern darüber, welche Sprache sie zu Hause sprechen, welche Sprache sie mit ihren Großeltern sprechen und was sie ohne Worte verstehen.
Der Theatermacher Ahilan Ratnamohan und die Kunstwissenschaftlerin Enrica Camporesi begeben sich gemeinsam mit den Teilnehmern auf die Suche nach einer neuen Pidgin-Sprache: einer Sprache, die von dem ausgeht, was Menschen im Niederländischen vermissen. Welche Wörter oder Ausdrücke gibt es in deiner Muttersprache, aber nicht im Niederländischen? Welche Gefühle lassen sich nur schwer übersetzen? Vielleicht vermisst du sogar grammatische Strukturen k oder sprachliche Denkweisen. Auf der Grundlage individueller Gespräche macht sich ein Sprachrat aus Menschen mit mehrsprachigem Hintergrund auf die Suche nach neuen Wörtern und Strukturen. Diese bilden die Grundlage für die neue Antwerpener Pidgin-Sprache. Das Museum umarmt dieses bestehende Projekt.
Die Wortkünstlerin Bumba beschäftigt sich anhand von Briefen mit Sprache. Sie lässt sich von alten Briefen und Geschichten aus der Museumssammlung inspirieren: Schon vor hundert Jahren schrieben Migranten über ihren Umgang mit Sprache: die Sprache, die sie sprechen, vermissen, lernen oder nicht mehr beherrschen. Sie bringt diese mit neueren Erfahrungsberichten zusammen und organisiert Workshops, in denen Niederländisch als Zweitsprache-Klassen und andere Gruppen selbst einen Brief über ihre Gefühle rund um Sprache schreiben – in allen Sprachen, die sie beherrschen.
Die Ausstellung zeigt, dass Migration und Mehrsprachigkeit ganz normal sind und zum Alltag gehören. Für manche Besucher werden die Geschichten vertraut sein. Für andere bietet die Ausstellung einen Einblick in Erfahrungen, die ihnen weniger bekannt sind. Neue sprachliche Erfahrungen können schön und bereichernd sein. Manchmal sind sie aber auch schwierig und schmerzhaft. Hinter den vielen persönlichen Geschichten verbirgt sich eine weit umfassendere, universelle Geschichte von Identität, Zusammenleben und Verbundenheit.